Der Preis von handgestrickten Socken

Mich hat’s erwischt. Ich bin dem Sockenfieber verfallen. Nach meinem ersten Paar stricke ich mittlerweile das dritte und probiere diesmal ein Muster. Ich habe mir auch schon wieder eine neue Sockenwolle gekauft. Sie hat € 9,90 gekostet und war bei weitem nicht die teuerste im Wollladen. Und da stoße ich an ein Thema, das mir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht.

Socks made by RubinskajaSocks made by Rubinskaja

Im Zuge meiner Suche nach Strickanleitungen habe ich festgestellt, dass handgestrickte Socken durchschnittlich zwischen 10 – 22 Euro verkauft werden. Mit dem Wissen, was Wolle kostet und welche Arbeit dahinter steckt, habe ich drei einfache Milchmädchenrechnungen erstellt – ohne jegliche Gewinnspannen. Dabei bin ich von einer durchschnittlichen Strickdauer von 8 Stunden ausgegangen. Erfahrene Strickerinnen schaffen es vielleicht schneller, ich brauche derzeit mindestens die doppelte Zeit, also 16 Stunden.

  • HOBBYSTRICKERIN A
    € 4,- Wolle (vom Discounter)
    € 12,- Arbeitszeit (8h x Stundenlohn € 1,50)
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    € 16,- Herstellungskosten
  • HOBBYSTRICKERIN B
    € 10,- Wolle (Markenqualität)
    € 40,- Arbeitszeit (8h x Stundenlohn € 5,-)
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    € 50,- Herstellungskosten
  • GEWERBETREIBENDE STRICKERIN
    € 8,- Wolle (Markenqualität mit Mengenrabatt)
    € 0,40 Verpackung (Papierbanderole)
    € 80,- Arbeitszeit (8h x Stundenlohn € 10,-)
    _____________________________________
    € 88,40 Herstellungskosten

Dann habe ich mich in meinem Bekanntenkreis umgehört und da wurde gesagt, das absolute Maximum, das für handgestrickte Socken bezahlt werden würde, wären 25 Euro. Aber auch nur, wenn es ein außergewöhnlich gutes Produkt ist in Hinblick auf Material, Größe, Design und Verarbeitung.

Socks made by Rubinskaja

Jetzt frage ich mich, was bedeutet das?

Jeder Handwerker verrechnet Länge mal Breite und wird bezahlt. Kann es vielleicht damit zu tun haben, dass das sogenannte Handarbeiten, also nähen, stricken, häkeln, sticken, spinnen, weben, etc. eine traditionelle Frauenarbeit ist? Und das davon ausgegangen wird, dass in erster Linie Pensionistinnen und Hausfrauen stricken und das sowieso alles gerne und umsonst machen, damit sie wenigstens irgendetwas zu tun haben? Oder dass Frauen, die kein oder nur ein sehr geringes Einkommen haben, froh sind wenigstens ein bisschen was zu verdienen?

Ich denke, wir sind uns hoffentlich alle klar darüber, dass ein Stundenlohn von € 1,50 ein Hohn ist und auch 5,- Euro sind nicht mehr als eine Aufwandsentschädigung.

Ich verstehe, wenn Strickerinnen sagen, das ist mein Hobby und ich will einfach nur meine Materialkosten reinbekommen, damit ich weiterstricken kann. Wir müssen uns aber schon darüber im Klaren sein, dass es sich dabei wirtschaftlich gesehen um Dumping handelt. Das bedeutet, dass Strickerinnen, die nicht so billig verkaufen können, weil sie sich finanziell selbst erhalten müssen und/oder weil sie gute, ökologische und fair produzierte Wolle verwenden wollen, vom Markt verdrängt werden. Und es bedeutet auch generell eine Abwertung von Handarbeit und von Frauenarbeit.

Mich würde interessieren, was ihr darüber denkt?

Fotos: © Rubinskaja

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